Milchabgabe ist EU-Rechts-konform

Die Vere­in­barkeit der Vorschriften über die Milch­ab­gabe mit höher­rangigem Recht ist wieder­holt Gegen­stand höch­strichter­lich­er Entschei­dun­gen gewe­sen1. An der Gültigkeit der der Milch­ab­gabe zugrunde liegen­den union­srechtlichen Vorschriften beste­hen keine Zweifel2.

Milchabgabe ist EU-Rechts-konform

Wie vom Gericht­shof der Europäis­chen Gemein­schaften3 aus­ge­führt, ver­fügt der Geset­zge­ber im Bere­ich der gemein­samen Agrar­poli­tik (Art. 33 EG) über ein weites Ermessen, das er mit Erlass der VO Nr. 1788/2003 nicht über­schrit­ten hat, indem er das in Art. 33 Abs. 1 Buchst. c EG aus­drück­lich erwäh­nte Ziel der Sta­bil­isierung der Märk­te ver­fol­gt und diesem Ziel Vor­rang eingeräumt hat. Die in der VO Nr. 1788/2003 vorge­se­hene Abgaben­regelung zielt darauf ab, auf dem durch struk­turelle Über­schüsse gekennze­ich­neten Milch­markt durch eine Beschränkung der Milcherzeu­gung das Gle­ichgewicht zwis­chen Ange­bot und Nach­frage wieder­herzustellen, und hält sich daher im Rah­men der Ziele, die Milcherzeu­gung zu ratio­nal­isieren und für die betrof­fene land­wirtschaftliche Bevölkerung durch einen Beitrag zur Sta­bil­isierung ihres Einkom­mens eine angemessene Leben­shal­tung aufrechtzuer­hal­ten. Auch mit den in Art. 33 Abs. 1 Buchst. a und b EG genan­nten Zie­len ist die VO Nr. 1788/2003 vere­in­bar4.

Dass der Union­s­ge­set­zge­ber berechtigt ist, die Milch­pro­duk­tion in der Union zu beschränken, indem er Über­pro­duk­tion mit ein­er Abgabe belegt, ste­ht also nach der Recht­sprechung des EuGH und des Bun­des­fi­nanzhofs fest. Dabei liegt es im Ermessen des Verord­nungs­ge­bers, die Milcherzeuger auch unab­hängig von einem Milchricht­preis zur Ein­hal­tung ein­er bes­timmten Pro­duk­tion­s­menge mith­il­fe ein­er Milch­ab­gabe anzuhal­ten5. Eine Über­schre­itung des dies­bezüglich union­srechtlich eingeräumten Ermessensspiel­raums ist nicht erkennbar.

Wie bere­its in den BFH-Beschlüssen in BFH/NV 2014, 585, 588 und in BFH/NV 2014, 741, 743 f. aus­ge­führt, recht­fer­ti­gen selb­st etwaige zur Nichtigkeit der VO Nr. 1788/2003 führende Ver­stöße gegen wesentliche For­mvorschriften im europäis­chen Geset­zge­bungsver­fahren die Zulas­sung der Revi­sion nicht. An dieser Recht­sprechung ist festzuhal­ten. Selb­st wenn die gesamte (inzwis­chen außer Kraft getretene) VO Nr. 1788/2003 wegen Mis­sach­tung des Konz­ertierungsver­fahrens durch den Rat sowie des nicht ein­stim­mig gefassten Beschlusses über ihre Ver­ab­schiedung nichtig gewe­sen sein sollte, wäre auch Art. 25 VO Nr. 1788/2003 über die Aufhe­bung der VO Nr. 3950/92 nichtig. Die VO Nr. 3950/92 hätte weit­er gegolten und wäre weit­er­hin die union­srechtliche Grund­lage für die Erhe­bung der Milch­ab­gabe geblieben. Dass bei Fort­gel­tung der VO Nr. 3950/92 keine oder eine gerin­gere Milch­ab­gabe gegen den Land­wirt festzuset­zen gewe­sen wäre, ist nicht ersichtlich. Vielmehr wäre auch die im Zusam­men­hang mit der VO Nr. 1788/2003 erlassene Verord­nung (EG) Nr. 1787/2003 des Rates vom 29.09.2003 zur Änderung der Verord­nung (EG) Nr. 1255/1999 über die gemein­same Mark­tor­gan­i­sa­tion für Milch und Milcherzeug­nisse in diesem Fall nichtig und der Milchricht­preis nicht aufge­hoben wor­den. Es wäre der Richt­preis gemäß der Verord­nung (EG) Nr. 1255/1999 des Rates vom 17.05.1999 über die gemein­same Mark­tor­gan­i­sa­tion für Milch und Milcherzeug­nisse anzuwen­den. Der sich daraus ergebende Milch­ab­gaben­satz wäre ‑wie vom Finanzgericht zu Recht dargelegt- let­ztlich höher als der sich aus Art. 2 VO Nr. 1788/2003 ergebende Abgaben­satz.

Vor­ge­tra­gene Bedenken hin­sichtlich der Fort­gel­tung der VO Nr. 1255/1999 über den 1.04.2004 hin­aus und somit nach dem Beitritt neuer Mit­glied­staat­en zur EU spie­len im hier vom Bun­des­fi­nanzhof entsch­iede­nen Stre­it­fall bere­its man­gels Betrof­fen­heit des kla­gen­den Land­wirts keine Rolle. Eine etwaige Diskri­m­inierung von Milcherzeugern ander­er Län­der kann der Land­wirt nicht gel­tend machen. Darüber hin­aus haben sich die Beitrittslän­der 2004 dem Sys­tem der Milch­ab­gabenpflicht für Erzeuger im Fall ein­er Über­pro­duk­tion unter­wor­fen, indem sie auf der Grund­lage der Beitrittsak­te seit dem 1.05.2004 als neue Mit­glied­staat­en den EU-Besitz­s­tand ein­schließlich der voll­ständi­gen Milchquoten­regelung anwen­den. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­wirts, die Erhe­bung ein­er Milch­ab­gabe entspreche für die Zeit nach 2004 nicht mehr der gemein­samen Agrar­poli­tik aller Mit­glied­staat­en, ist die Fest­set­zung ein­er Milch­ab­gabe nach der Recht­sprechung des EuGH also weit­er­hin ein geeignetes und ver­hält­nis­mäßiges Mit­tel zur Ein­hal­tung ein­er bes­timmten Pro­duk­tion­s­menge.

Der Hin­weis auf die kri­tis­che Stel­lung­nahme des juris­tis­chen Dien­stes des Rates der EU zur Rechts­grund­lage der Milch­ab­gabe kann die Argu­men­ta­tion des Land­wirts nicht stützen, da sie sich lediglich auf das Quoten­jahr 2014/2015 bezieht und somit die Beson­der­heit des let­zten ZMZ vor Ende der Milchquoten­regelung bet­rifft.

Bun­des­fi­nanzhof, Beschluss vom 16. April 2015 — VII B 44/14

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 14.05.2009 — C‑34/08 ‑Azien­da Agri­co­la Dis­arò Anto­nio u.a., Slg. 2009, I‑4023, ZfZ 2009, 219; und BFH, Beschluss vom 07.10.2009 — VII B 253/08, BFH/NV 2010, 267, m.w.N. []
  2. vgl. BFH, Beschlüsse vom 27.11.2013 — VII B 86/12, BFH/NV 2014, 585, und — VII B 87/12, BFH/NV 2014, 741 []
  3. EuGH, Urteil in Slg. 2009, I‑4023 Rz 44 ff., ZfZ 2009, 219, 221 []
  4. s. auch BFH, Beschlüsse in BFH/NV 2014, 585, 587, und in BFH/NV 2014, 741, 743 []
  5. vgl. EuGH, Urteile vom 25.03.2004 — C‑231/00 u.a. ‑Coop­er­a­ti­va Lat­tepiù u.a.-, Slg. 2004, I‑2869, und in Slg. 2009, I‑4023, ZfZ 2009, 219; BFH, Beschlüsse in BFH/NV 2010, 267, 268; vom 13.07.2011 — VII B 223/10, BFH/NV 2011, 1732, sowie in BFH/NV 2014, 585, 588, und in BFH/NV 2014, 741, 743 []