Keine Grunderwerbsteuer für den Haubergkomplex

Der Erwerb von Haubergsan­teilen unter­liegt nicht der Grun­der­werb­s­teuer.

Keine Grunderwerbsteuer für den Haubergkomplex

Nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 GrEStG unter­liegt ein Kaufver­trag oder ein anderes Rechts­geschäft, das den Anspruch auf Übereig­nung eines inländis­chen Grund­stücks begrün­det, der Grun­der­werb­s­teuer. Nach § 2 Abs. 1 Satz 1 GrEStG sind unter Grund­stück­en i.S. des GrEStG Grund­stücke i.S. des bürg­er­lichen Rechts zu ver­ste­hen.

Der Erwerb von Haubergsan­teilen ist kein steuer­bar­er Erwerb­svor­gang. Haubergsan­teile sind ‑wie das Finanzgericht zutr­e­f­fend aus­ge­führt hat- keine Grund­stücke i.S. des § 2 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 1 Abs. 1 Nr. 1 GrEStG.

Die Rechtsver­hält­nisse der Hauberggenossen­schaften waren ursprünglich in der Hauber­gord­nung für den Kreis Siegen vom 17.03.18791 ‑Hauber­gord­nung- geregelt. Nun­mehr find­et das GWaldG NW auf die ehe­ma­li­gen Hauberggenossen­schaften Anwen­dung (§ 1 Nr. 2 GWaldG NW). Ziel und Zweck des Haubergkom­plex­es ist die Erhal­tung des Waldes in seinem Bestand (vgl. § 21 Satz 2 GWaldG NW). Der Haubergkom­plex ist eine auf Dauer angelegte Vere­ini­gung von Anteil­berechtigten zur Förderung und Erre­ichung dieses Ziels. Er ist daher mit ein­er Per­so­n­enge­sellschaft ver­gle­ich­bar, bei der eben­falls zwis­chen den Gesellschaftern eine vere­in­barte gegen­seit­ige Verpflich­tung beste­ht, “die Erre­ichung eines gemein­samen Zweck­es in der durch den Ver­trag bes­timmten Weise zu fördern” (§ 705 des Bürg­er­lichen Geset­zbuchs ‑BGB- für die GbR).

Die Haubergsan­teile ver­mit­teln eine Berech­ti­gung mit mit­glied­schaftlichem und sachen­rechtlichem Ein­schlag. Der Anteil­berechtigte ist Mit­glied der zur Bewirtschaf­tung und Ver­wal­tung des Gemein­schaftsver­mö­gens gebilde­ten Waldgenossen­schaft (§ 9 GWaldG NW) und als Gesamthän­der am Gemein­schaftsver­mö­gen (§ 2 Abs. 1 GWaldG NW) beteiligt.

Zum gesamthän­derisch gebun­de­nen Gemein­schaftsver­mö­gen nach § 2 Abs. 1 GWaldG NW gehören auch die Grund­stücke des Haubergkom­plex­es (Hauberggrund­stücke).

Nach § 2 Abs. 2 Satz 1 GWaldG NW ste­ht das Gemein­schaftsver­mö­gen den Anteil­berechtigten zur gesamten Hand zu (Gesamthands­ge­mein­schaft). Anteil­berechtigte sind die Inhab­er von Anteilen an dem Gemein­schaftsver­mö­gen (§ 2 Abs. 2 Satz 2 GWaldG NW).

Das Gemein­schaftsver­mö­gen bildet das für Gesamthands­ge­mein­schaften typ­is­che, von dem Ver­mö­gen der Anteil­berechtigten abzu­gren­zende zweck­ge­bun­dene und organ­isierte Son­derver­mö­gen (vgl. § 718 Abs. 1 BGB für die GbR; § 105 Abs. 3 des Han­dels­ge­set­zbuchs ‑HGB- i.V.m. § 718 Abs. 1 BGB für die OHG; § 161 Abs. 1 HGB i.V.m. § 105 Abs. 3 HGB i.V.m. § 718 Abs. 1 BGB für die KG; MünchKommBGB/Ulmer/Schäfer, 7. Aufl., Vor § 705 Rz 15). Es ist ein dinglich gebun­denes unge­quoteltes Son­derver­mö­gen der Anteil­berechtigten, d.h. deren unmit­tel­bares Eigen­tum in gesamthän­derisch­er Ver­bun­den­heit. Jed­er einzelne Gegen­stand des Gesamthandsver­mö­gens gehört dem einzel­nen Anteil­berechtigten ganz, beschränkt durch das gle­iche dingliche Recht des anderen2.

Das gilt auch hin­sichtlich der Hauberggrund­stücke. Die Hauberggrund­stücke ste­hen nicht im Bruchteil­seigen­tum der Anteil­berechtigten3.

Wegen der gesamthän­derischen Bindung des Gemein­schaftsver­mö­gens sind die Haubergsan­teile keine Miteigen­tum­san­teile i.S. von §§ 741 ff., 1008 ff. BGB an den Haubergs­grund­stück­en. Die Recht­sprechung4, nach der Miteigen­tum­san­teile als Grund­stücke i.S. des § 2 Abs. 1 Satz 1 GrEStG zu behan­deln sind, find­et insoweit keine Anwen­dung. Allein aus § 3 Abs. 2 Satz 1 GWaldG NW, der ‑ähn­lich wie § 747 Satz 1 BGB- eine Über­tra­gung der Anteile durch Rechts­geschäft zulässt, kann nicht ‑ent­ge­gen dem aus­drück­lichen Wort­laut des § 2 Abs. 2 Satz 1 GWaldG NW- der Schluss gezo­gen wer­den, dass Haubergsan­teile den Miteigen­tum­san­teilen an Grund­stück­en ver­gle­ich­bar sind.

Die Haubergsan­teile sind auch nicht deshalb als Grund­stücke i.S. des § 2 Abs. 1 Satz 1 GrEStG anzuse­hen, weil § 3 Abs. 3 GWaldG NW anord­net, dass für die Anteile die sich auf Grund­stücke beziehen­den Vorschriften des BGB gel­ten, nach § 42 Abs. 2 GWaldG NW für jede Anteil­berech­ti­gung von Amts wegen ein beson­deres Grund­buch­blatt ‑Anteil­grund­buch- angelegt wird und der Bun­des­gericht­shof deshalb in seinem Beschluss in BGHZ 23, 241 aus­ge­führt hat, die Haubergsan­teile gäl­ten als Grund­stücke i.S. des BGB. Denn Rechte, auf welche die Vorschriften des bürg­er­lichen Rechts über Grund­stücke Anwen­dung find­en, unter­liegen als grund­stücks­gle­iche Rechte ‑mit Aus­nahme der in § 2 Abs. 2 GrEStG abschließend aufgezählten Rechte- nicht der Grun­der­werb­s­teuer5.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finan­zamt unter­liegt der Erwerb von Haubergsan­teilen nicht deshalb der Grun­der­werb­s­teuer, weil bei ein­er Erbenge­mein­schaft nach §§ 2032 ff. BGB als beson­der­er Form der Gesamthands­ge­mein­schaft der Erwerb eines Miter­benan­teils bei einem zum Nach­lass gehören­den Grund­stück der Grun­der­werb­s­teuer unter­liegt6. Die rechtliche Aus­gestal­tung von Erbenge­mein­schaften und Haubergkom­plex­en unter­schei­det sich in mehreren entschei­dungser­he­blichen Punk­ten.

Die Erbenge­mein­schaft entste­ht allein dadurch, dass den Erben gesamthän­derisch gebun­denes Ver­mö­gen anfällt (§§ 2021, 2033 Abs. 2 BGB). Die Miter­ben ver­wal­ten den Nach­lass gemein­schaftlich (§ 2038 Abs. 1 Satz 1 BGB). Die Gesamt­hand ist nicht ‑wie z.B. bei der Per­so­n­enge­sellschaft- ver­fes­tigt, son­dern auf Auseinan­der­set­zung nach den all­ge­meinen Regeln angelegt (§ 2042 BGB). Das Gesamthandsver­hält­nis der Erben ist nur durch die Gesamthands­bindung des Ver­mö­gens bes­timmt7. Der Miterbe hat eine ideelle quo­tale Berech­ti­gung am Gesamthandsver­mö­gen, über die er nach § 2033 Abs. 1 Satz 1 BGB ver­fü­gen kann8. Die ver­mö­gen­srechtliche Beteili­gung an dem Nach­lass ist nicht an die Erben­stel­lung gebun­den9.

Der Haubergkom­plex ist ‑im Gegen­satz zur Erbenge­mein­schaft- auf Dauer angelegt. Die Mit­glieder des Haubergkom­plex­es sind bere­its auf­grund dieser Stel­lung am ver­fes­tigten Gemein­schaftsver­mö­gen berechtigt. Sie sind Anteil­berechtigte am Gemein­schaftsver­mö­gen (vgl. § 2 Abs. 1 und 2 GWaldG NW). Die Bewirtschaf­tung und Ver­wal­tung des Gemein­schaftsver­mö­gens ste­hen nicht den Anteil­berechtigten gemein­schaftlich zu. Diese bilden vielmehr zu diesem Zweck eine Waldgenossen­schaft als Kör­per­schaft des öffentlichen Rechts (vgl. § 9 GWaldG NW). Die Waldgenossen­schaft hat Betrieb­spläne (vgl. § 22 GWaldG NW) und Wirtschaft­spläne (vgl. § 23 GWaldG NW) aufzustellen und den Wald zur Erre­ichung des gemein­samen Ziels sein­er Bestand­ser­hal­tung nach forstwirtschaftlichen Grund­sätzen zu bewirtschaften und pfleglich und wirtschaftlich zu ver­wal­ten (vgl. § 21 GWaldG NW). Die Waldgenossen­schaft gibt sich eine Satzung, die u.a. die Rechte und Pflicht­en der Mit­glieder unter Berück­sich­ti­gung der Anteil­berech­ti­gung regelt (vgl. § 10 Abs. 2 Nr. 2 GWaldG NW). Sie hat als Organe eine Genossen­schaftsver­samm­lung und einen Vor­stand (vgl. § 11 GWaldG NW). Die Auf­gaben der Genossen­schaftsver­samm­lung sind in § 12 GWaldG NW geregelt.

Die Beson­der­heit­en der Erbenge­mein­schaft (Anle­gung auf Auseinan­der­set­zung, ideelle quo­tale Berech­ti­gung am Gesamthandsver­mö­gen durch den einzel­nen Miter­ben, keine Ver­mit­tlung eines mit­glied­schaft­sähn­lichen Rechts an der Erbenge­mein­schaft durch die Miter­ben­stel­lung) recht­fer­ti­gen sach­lich ihre gegenüber anderen Gesamthands­ge­mein­schaften abwe­ichende grun­der­werb­s­teuer­rechtliche Behand­lung10.

Nach diesen Grund­sätzen durfte das Finan­zamt den Kauf­preis für die Über­tra­gung der Haubergspfen­nige nicht in die Bemes­sungs­grund­lage für die Grun­der­werb­s­teuer mitein­beziehen.

Bun­des­fi­nanzhof, Urteil vom 9. Novem­ber 2016 — II R 17/15

  1. Gesetz-Samm­lung für die königlichen Preußis­chen Staat­en 1879, 228 []
  2. vgl. Palandt/Bassenge, Bürg­er­lich­es Geset­zbuch, 76. Aufl., § 903 Rz 3 []
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 05.02.1957 — V BLw 25/56, BGHZ 23, 241, unter II.B.01., zu Grund­stück­en nach der Hauber­gord­nung; BFH, Urteil vom 20.12 1962 — III 321/60 S, BFHE 76, 558, BSt­Bl III 1963, 204, unter II. 5., zu Jahn­schaften nach dem Olper Forstge­setz vom 03.08.1897 []
  4. vgl. BFH, Urteil vom 23.06.1976 — II R 139/71, BFHE 119, 510, BSt­Bl II 1976, 693 []
  5. vgl. Visko­rf in Borut­tau, Grun­der­werb­s­teuerge­setz, 18. Aufl., § 2 Rz 142 []
  6. BFH, Urteile vom 17.07.1975 — II R 141/74, BFHE 117, 270, BSt­Bl II 1976, 159; und vom 09.07.2014 — II R 50/12, BFHE 246, 222, BSt­Bl II 2015, 399 []
  7. vgl. Fis­ch­er in Borut­tau, a.a.O., § 1 Rz 166 []
  8. vgl. Palandt/Weidlich, a.a.O., § 2033 Rz 1 []
  9. Fis­ch­er in Borut­tau, a.a.O., § 1 Rz 166, m.w.N. []
  10. vgl. BFH, Beschluss vom 04.02.2004 — II B 147/02, BFH/NV 2004, 813 []