Film­auf­nah­men aus Bio-Hühnerställen

Der Bun­des­ge­richts­hof hat kei­ne Beden­ken gegen die Ver­brei­tung unge­neh­mig­ter Film­auf­nah­men aus Bio-Hühnerställen.

Film­auf­nah­men aus Bio-Hühnerställen

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te eine auf die Ver­mark­tung von Bio-Pro­duk­ten spe­zia­li­sier­ter Erzeu­ger­ge­mein­schaft von elf öko­lo­gisch arbei­ten­den Betrie­ben geklagt, die Acker­bau und Hüh­ner­hal­tung betrei­ben. In den Näch­ten vom 11./12.05.und 12./13.05.2012 drang F., der sich für den Tier­schutz enga­giert, in die Hüh­ner­stäl­le von zwei der in der Erzeu­ger­ge­mein­schaft zusam­men­ge­schlos­se­nen Betrie­be ein und fer­tig­te dort Film­auf­nah­men. Die Auf­nah­men zei­gen u.a. Hüh­ner mit unvoll­stän­di­gem Feder­kleid und tote Hüh­ner. F. über­ließ die Auf­nah­men der beklag­ten Rund­funk­an­stalt (NDR), die sie am 3.09.2012 in der Rei­he ARD Exklu­siv unter dem Titel „Wie bil­lig kann Bio sein?“ bzw. am 18.09.2012 im Rah­men der Sen­dung „FAKT“ unter dem Titel „Bio­lo­gi­sche Tier­hal­tung und ihre Schat­ten­sei­ten“ aus­strahl­te. Die Bei­trä­ge befas­sen sich u.a. mit den Aus­wir­kun­gen, die die Auf­nah­me von Bio-Erzeug­nis­sen in das Sor­ti­ment der Super­märk­te und Dis­coun­ter zur Fol­ge hat, und wer­fen die Fra­ge auf, wie preis­güns­tig Bio-Erzeug­nis­se sein können.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Ham­burg hat den Nord­deut­schen Rund­funk antrags­ge­mäß ver­ur­teilt, es zu unter­las­sen, im Ein­zel­nen näher bezeich­ne­te Bild­auf­nah­men zu ver­brei­ten, die ver­pack­te Waren, tote Hüh­ner oder sol­che, die ein unvoll­stän­di­ges Feder­kleid haben, eine umzäun­te Aus­lauf­flä­che und die Innen­auf­nah­me eines Hüh­ner­stalls zei­gen. Die Beru­fung der Rund­funk­an­stalt hat­te kei­nen Erfolg. Mit der vom Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt der NDR sei­nen Antrag auf Abwei­sung der Kla­ge wei­ter und erhielt nun vom Bun­des­ge­richts­hof Recht. Der Bun­des­ge­richts­hof hat der Revi­si­on statt­ge­ge­ben und die Kla­ge anders als die Ham­bur­ger Vor­in­stan­zen- abgewiesen:

Die Ver­brei­tung der Film­auf­nah­men ver­letzt weder das Unter­neh­mer­per­sön­lich­keits­recht der Erzeu­ger­ge­mein­schaft noch ihr Recht am ein­ge­rich­te­ten und aus­ge­üb­ten Gewer­be­be­trieb. Zwar sind die Film­auf­nah­men – die eine Mas­sen­tier­hal­tung doku­men­tie­ren und tote oder nur mit unvoll­stän­di­gem Feder­kleid ver­se­he­ne Hüh­ner zei­gen – geeig­net, das Anse­hen und den wirt­schaft­li­chen Ruf der Erzeu­ger­ge­mein­schaft in der Öffent­lich­keit zu beein­träch­ti­gen. Der Bun­des­ge­richts­hof ist auch davon aus­ge­gan­gen, dass die Aus­strah­lung der nicht geneh­mig­ten Film­auf­nah­men das Inter­es­se der Erzeu­ger­ge­mein­schaft berührt, ihre inner­be­trieb­li­che Sphä­re vor der Öffent­lich­keit geheim zu hal­ten. Die­se Beein­träch­ti­gun­gen sind aber nicht rechts­wid­rig. Das von der Rund­funk­an­stalt ver­folg­te Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit und ihr Recht auf Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit über­wie­gen das Inter­es­se der Erzeu­ger­ge­mein­schaft am Schutz ihres sozia­len Gel­tungs­an­spruchs und ihre unter­neh­mens­be­zo­ge­nen Inter­es­sen. Dies gilt trotz des Umstands, dass die ver­öf­fent­lich­ten Film­auf­nah­men von F. rechts­wid­rig her­ge­stellt wor­den waren. Die Rund­funk­an­stalt hat­te sich an dem von F. began­ge­nen Haus­frie­dens­bruch nicht betei­ligt. Mit den bean­stan­de­ten Auf­nah­men wur­den kei­ne Betriebs- oder Geschäfts­ge­heim­nis­se der Erzeu­ger­ge­mein­schaft offen­bart. Die Auf­nah­men doku­men­tie­ren viel­mehr die Art der Hüh­ner­hal­tung durch dem Erzeu­ger­zu­sam­men­schluss ange­hö­ri­ge Betrie­be; an einer nähe­ren Infor­ma­ti­on über die­se Umstän­de hat die Öffent­lich­keit grund­sätz­lich ein berech­tig­tes Inter­es­se. Die Film­auf­nah­men infor­mie­ren den Zuschau­er zutref­fend. Sie trans­por­tie­ren kei­ne unwah­ren Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, son­dern geben die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se in den bei­den Stäl­len zutref­fend wie­der. Mit der Aus­strah­lung der Film­auf­nah­men hat die Rund­funk­an­stalt einen Bei­trag zum geis­ti­gen Mei­nungs­kampf in einer die Öffent­lich­keit wesent­lich berüh­ren­den Fra­ge geleis­tet. Die Film­be­richt­erstat­tung setzt sich unter den Gesichts­punk­ten der Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on und der Tier­hal­tung kri­tisch mit der Mas­sen­pro­duk­ti­on von Bio-Erzeug­nis­sen aus­ein­an­der und zeigt die Dis­kre­panz zwi­schen den nach Vor­stel­lung vie­ler Ver­brau­cher gege­be­nen, von Erzeu­gern oder Erzeu­ger­zu­sam­men­schlüs­sen wie der Erzeu­ger­ge­mein­schaft her­aus­ge­stell­ten hohen ethi­schen Pro­duk­ti­ons­stan­dards einer­seits und den tat­säch­li­chen Pro­duk­ti­ons­um­stän­den ande­rer­seits auf. Es ent­spricht der Auf­ga­be der Pres­se als „Wach­hund der Öffent­lich­keit“, sich mit die­sen Gesichts­punk­ten zu befas­sen und die Öffent­lich­keit zu infor­mie­ren. Die Funk­ti­on der Pres­se ist nicht auf die Auf­de­ckung von Straf­ta­ten oder Rechts­brü­chen beschränkt. 

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. April 2018 – VI ZR 396/​16